logotype down

Ein Blick in die moderne Arbeitsteilung unter Paarhufern.

icon linkedin
Zermatt
8.6.2017

Mit Liebe zur Ziege

Der Kenner weiß: Keine Ziege ist wie die andere. War sie ehemals als leicht zu haltender Milch- und Fleischlieferant die „Kuh des armen Mannes“, so sind ihre Aufgaben heute komplexer geworden. Ein Blick in die moderne Arbeitsteilung unter Paarhufern.

 

Sie ist ein sachkundiger Genießer, wählerisch und freiheitsliebend – und fühlt sich nur in der Herde wohl. Die Rede ist von der Zermatter Ziege, die, anders als ihre Artgenossen in der ganzen Welt, Bestandteil einer modernen Arbeitsteilung in einem touristischen Gefüge ist.

Vorbei die Zeiten, als sie tagein tagaus bis zu drei Liter Milch gab, aus der die Bauersfrau Ziegenkäse herstellte. Und vorbei auch die Zeit, als ein Stoß aus dem Trubhorn des Hirtenjungen den Ziegenbesitzern im Dorf das Signal gab, die Ställe zu öffnen, damit die Tiere ihren Weg auf die Alm finden. Das geschah noch bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Dass es heute im Dorf an die 100 Ziegen gibt, zumindest im Sommer, verdanken die Wiederkäuer der Einheimischen Liebe zur Ziege und deren Raffinesse, die Geissenkehr als touristische Attraktion zu nutzen. Die Unterlagen im Archiv des Kulturvereins datieren die Angelegenheit bis in die 60er Jahre zurück. Aber aufgepasst: Unter den 100 Ziegen, die heute im Sommer zwei Mal am Tag durchs Dorf getrieben werden, sind 50 geliehene. Sie kommen zum Teil nicht einmal aus dem Kanton, sondern aus der ganzen Schweiz.

Diese Ziegen sind „Saisonarbeiter“ und sie geben keine Milch. Viele Zermatter schicken ihre Ziegen zur Sömmerung lieber auf eine Alpe nach Crans-Montana, wo sie auch gemolken werden. Immerhin bleiben einige Tiere – es sind zumeist Schwarzhalsziegen – in der Region und werden zur Landschaftspflege eingesetzt.

Die restlichen Ziegen erinnern zusammen mit den 50 geliehenen zur Erbauung der Touristen an alte Zeiten und eine vermeintlich heile Bergwelt. Deshalb hat es die Zermatter Geissenkehr sogar schon bis ins Schweizer Fernsehen geschafft.

Hirtenjungen gibt es auch noch. Und Hirtenmädchen. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn es ist nicht gerade leicht, eine Ziegenherde, die sich zum Saisonauftakt erst einmal kennenlernen und die Rangordnung untereinander klären muss, durchs Dorf zu treiben. Zudem wachsen in den liebevoll bepflanzten Blumenkübeln der Bahnhofstraße die leckersten Pflanzen. Das freut die Ziege, die nur 20 Prozent Gras in ihrem Speiseplan vorsieht – schließlich ist sie Gourmet. Und für ausgebrochene, kletterfreudige Ziegen, die sich in Lawinenverbauungen verhakeln, gibt es die Air Zermatt, das Helikopterunternehmen vor Ort zur Rettung von Lebewesen im hochalpinen Gelände.