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Adrian Greiner über das Verschwinden des wilden Downhillers

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Zermatt
21.12.2016

Der Genussbiker sucht das Abenteuer light

Veröffentlicht im Zermatt Magazin, Ausgabe 2016/17 und auf dem Matterhorn-Blog (engl.)

Herr Greiner, hat man als harmloser Designer von Mountainbike-Landschaften auch Feinde?

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, es geht weniger um Feinde oder Gegner, sondern um Positionen. Genau da liegt eine unserer Aufgaben: Wir versuchen, den Konsens zu finden. Mountainbiking ist immer noch etwas relativ Neues und vor zehn und sogar nur vor fünf Jahren war es etwas Anderes, als es heute ist. Die Bergbahnen sahen ehemals ein grosses Potential im Downhill, doch das ist heute gar nicht mehr die Klientel, die gesucht wird. Die alten Feindbilder, die der heutigen Wirklichkeit nicht mehr entsprechen - diese zu überarbeiten und zu revidieren, auch darin sehen wir unsere Aufgabe.


Um was für einen Typ Biker geht es?

Der Durchschnittsbiker ist mittlerweile über 40 Jahre alt. Er hat selber Familie, ist meist auch ein Wanderer, betreibt verschiedenen Sportarten, ist oft auch Skifahrer. Was den Destinationen daher fehlt, sind - wenn man Trails mit Pisten vergleicht - die roten und blauen Genusstrails und die Infrastruktur dafür. Die einzige Chance für den Mountainbiker war bisher: Entweder er fängt an extrem zufahren oder er hört auf. Davon wollen wir wegkommen.

Sie unterstützen Zermatt mit Ihrer Agentur BikePlan seit 2014. Was ist der Status Quo?

Es gibt immer noch viele alte Infrastrukturen wie die Kiesstraßen. Früher hat man so gedacht: Entweder war der Biker ein Downhiller oder ein Cross Country Fahrer. Der Downhiller ging Biken wegen dem Adrenalin und der Cross Country Fahrer wegen dem Schweiß. Wir sprechen aber den Biker an, der wegen dem Glücksgefühl fährt und der liegt dazwischen. Der Genussbiker geht ins Restaurant, er schätzt die gute Infrastruktur, um sich in diesem immens schönen Gebiet von A nach B zubewegen und die Landschaften aus verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen - jedoch nicht haarsträubend schweißgebadet.

Es wurden verschiedene Massnahmen umgesetzt in den vergangenen zwei Jahren. Es dauert lange, bis so ein Trail entstanden ist, oder?

Ja. Da spielen die verschiedenen Anspruchsgruppen rein. Im Konzept wurde der Konsens gefunden. Jetzt geht es an die Detailplanung. Da treten Landwirte auf den Plan, der Umweltschutz. Das ist eine große Herausforderung. Wir versuchen einen guten Kompromiss zu finden, aber der darf nicht zu Lasten des Produkts gehen. In der Vergangenheit hat man oft den einfachsten Kompromiss gewählt und ist auf einer Kiesstraße gelandet, aber genau die sucht der moderne Mountainbiker nicht.

Welches Potential hat Zermatt als Bike-Destination?

Das Potential ist riesig, weil Zermatt mit dem Naturerlebnis, Gastrokultur und Transportmöglichkeiten punktet. Das ist perfekt für den Genussbiker, der das Abenteuer light und nicht das Abenteuerextrem sucht.

Darf ein Biker sonst eigentlich überall fahren – sagen wir: auf Höhbalmen? Ein offizieller Trail ist das ja nicht.

Höhbalmen ist ein offizieller Wanderweg. Die dürfen im Wallis befahren werden,es sei denn, es gibt ein dezidiertes Fahrverbot. Die Tourismusvereine dürfen das aber nicht kommunizieren. Unsere Idee ist eine andere: Wir wollen die Biker kanalisieren, damit sie nicht überall sind, auch wenn man es nicht verhindern können wird, dass mancher Freak auf Wanderwegen unterwegs ist. Wir wollen Angebote schaffen statt Verbote auszusprechen. Wir wollen sie über den Fahrspaß locken. Dafür braucht es eine marktorientierte Planung. Wir brauchen mehr flache Trails und dafür wird Raum benötigt. Ich glaube, dass das der Preis ist, was an Landschaft zur Verfügung gestellt werden muss, damit auch Kinder und Familien diese Trails nutzen können.

Wie schätzen Sie das Know-How der Zermatter in puncto Mountainbike ein? So viele spezialisierte Guides gibt es noch nicht und auch zehn ausgerüstete Hotels sind noch nicht arg viel.

Die flankierenden Angebote sind abhängig von den Trails. Sie sind der Multiplikator. Die Infrastruktur muss stehen, dann kommt der Rest von allein. Der Wille der Leistungsträger ist stark. Deshalb gibt es jetzt die Fachstelle Bike in Zermatt mit Severin Schindler. Er koordiniert das Ganze. So gibt es nächstes Jahr eine Ein- und Zweitageskarte für Biker. Es ist ein komplexer Vorgang Stakeholder an den Tisch zu bringen. Dann bewegt sich etwas. Dennoch muss es für alle stimmen, vor allem auch für die Wanderer.

An der EuroBike 2016 in Friedrichshafen, der weltweit größten Fachmesse in Friedrichshafen, haben Sie über das Zermatt-Projekt referiert. Was war für Ihre Zuhörer der Wow-Effekt?

Dass man es koordiniert und feinfühlig angeht. Keiner legt einen Alleingang hin. Dass sauber geplant wird, was schon auch Zeit braucht. Gleichzeitig geht es im Gegensatz zu anderen Destinationen mit Geschwindigkeit voran. Es wird ein nachhaltiges Produkt geschaffen, und das bezieht sich zu einem Drittel auf die Umwelt, ein Drittel auf Soziales, ein Drittel Wirtschaft. Wir leisten mit unserer Arbeit Pionierarbeit.

Adrian Greiner ist diplomierter räumlicher und szenografischer Designer und Experte von Swiss Cycling, dem nationalen Radsportverband der Schweiz. Er führt als CEO der BikePlan AG ein auf bikespezifische Destinationsentwicklung spezialisiertes Planungsbüro mit Sitz in Visp und Zermatt.