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Nachtfalter umkreisen die Stirnlampe, der Lichtkegel umkreist des Hüttenwarts Schritte, Edelweiß schaukeln sanft im Wind.

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Randa
21.12.2015

Aufstieg zur Kinhütte

Veröffentlicht im Zermatt Magazin, Ausgabe 2015/2016

Die Alpen in ihrer ursprünglichsten Art erlebt man abseits der ausgetrampelten Pfade. Wer mehr als nur das Schöne sehen, sondern auch das Wahre empfinden möchte, der plane seine Wandertour mit Sorgfalt und Respekt.

 

Das muss schon ein besonderer Mann sein, der auf eigenes Risiko eine Hütte auf 2584m über Meer kauft und komplett neu wieder aufbaut. An einem Ort, der einmal Ausgangspunkt der Erstbesteigung des Täschhorns war, aus alpinistischer Sicht aber an Bedeutung verloren hat. "Der Berg ist nicht ohne", sagt dieser Mann, Viktor Imboden aus Täsch, Skilehrer und Bergführer. Er ist 74 Jahre alt und bewirtschaftet die Kinhütte gemeinsam mit seinem Bruder Ludwig seit der feierlichen Einweihung am 20. Juli 2002. 1996 kaufte er sie von Guido Biner aus Zermatt. Das hatte auch etwas mit Lokalpatriotismus zu tun: 1903 hatten Bergführer aus Täsch und Randa die Kinhütte erbaut. Viktors Grossvater war daran beteiligt. In den 50er und 60ern, als die Gipfeltouren von diesem Ort aus immer schwieriger wurden, diente das Gebäude den Arbeitern der Grande Dixence als Unterkunft. Der Rückkauf nach Täsch war als ein Generationenprojekt gedacht, gemeinsam mit Viktors Sohn, Bernhard. Da verunglückte Bernhard, er war 26 Jahre alt, am 7. September 1995 auf dem Roseggletscher in Graubünden. Es war der letzte Tag seiner Bergführerprüfung.

Der Vater gab den Traum nicht auf. Er erhielt 1996 den Zuschlag. Einige Jahre galt es durchzuhalten, bis alle Genehmigungen zum Neubau vorlagen. Viktor Imboden hat vieles durchs Gebirge getragen: Sorgen, Trauer, das Gipfelkreuz auf das Rimpfischhorn, gemeinsam mit seinem Freund Henry Willi und dem jüngeren Sohn, Ivan Imboden, zum Gedenken an Bernhard.

Die Lehre eines Hüttenaufstiegs

Kurz oberhalb des Abzweigers vom Europaweg in Richtung Kinhütte steht Edelweiß, soweit das Auge reicht. Das Alpensymbol wächst hier in alpinem Rasen, nicht auf Fels. Gut 20cm sind die Stengel lang. Ist es der Wind, der die Blüten bewegt, sind es Insekten? Es dämmert. Weisshorn, Schalihorn, Bishorn sind nur noch Scherenschnitt.

Die Autorin dieser Geschichte hat den Weg zur Hütte auf die leichte Schulter genommen und bereitet sich - die Nerven liegen blank - auf ihre erste Nacht im offenen Gelände vor. Es ist Anfang September, gegen 20 Uhr. Die Moral dieser arglosen Wanderin ist ein kurzes Wegstück hinter Springelboden, nach der Querung der Brücke über den Wildibach, der hier fast vertikal in die Tiefe stürzt, auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Wie steil so eine Felswand in der Dämmerung steht. Es ist der Kinfelsen, und ganz oben, es sind schätzungsweise noch 300 Höhenmeter, brennt ein Licht. Nun ist es vorbei mit dem Stolz - der Hüttenwart muss angerufen werden, solange noch Strom auf dem Handy ist. "Verhungert auf den letzten Metern, was?", sagt Viktor Imboden. "Soll ich Ihnen entgegen kommen", fragt er. "Ja, bitte!"

Steil in Kehren geht es nach oben. T3 nennt man das: anspruchsvolles Bergwandern, und das in der Dunkelheit, Bergschuhe mit abgelaufenem Profil, ohne Teleskopstöcke und völlig erschöpft. Viktor Imboden trägt ein Stirnband mit Edelweißmotiv. Das ist sein Markenzeichen. Darüber leuchtet die Stirnlampe. Er mustert seinen Gast: "Wie geht es Ihnen?" "Gut!" Was bleibt auch anderes übrig zu sagen. "Wollen Sie meine Lampe haben?" "Gern!"

Wieso ein behäbiger Bergschritt dem Ziel näher kommt, wenn er gnadenlos einem Takt folgt. Aber es gibt hier Seile, Befestigungen, eine Treppe. Viktor und sein Bruder Ludwig haben diesen Weg ausgebaut. Und jetzt? Nachtfalter umkreisen die Stirnlampe, der Lichtkegel umkreist des Hüttenwarts Schritte, Edelweiß schaukeln sanft im Wind. Der Bergführer schreitet voran in der Dunkelheit. Er muss Augen in den Waden haben. Und wer keine Stöcker hat und nicht trittsicher ist, der rudert gelegentlich mit Händen und Armen. Könnte es sein, dass die Wanderin streckenweise auf alle Vieren gekrochen ist? Verdrängt! T3: "gute Trittsicherheit, gute Trekkingschuhe, durchschnittliches Orientierungsvermögen, elementare alpine Erfahrung". Wir werden die Lehre dieses Hüttenaufstiegs, der zur Hälfte lieblich, zur anderen Hälfte alles abverlangt hat, nicht vergessen. Auch nicht wegen Viktor Imboden, und wie er in die Nacht schreitet. Die Füße in seinen Bergschuhen sind ohne Zehen. Am 28. Oktober 1988 erreichte er mit seinem Freund, dem Bergführer Henry Willi, den Gipfel des Lhotse Shar, Ostgipfel des Lhotse im Himalaya. Viktor litt an Erfrierungen. Er und Henry blieben lange oben.

Der Lhotse Shar war der einzige 8000er, der in jenem Herbst 1988 vom Ministerium in Nepal der Expeditionsmannschaft zugeteilt werden konnte. 16 Bergführer des Zermatter Bergführervereins nahmen damals teil. Viktor und Henry gelang der Gipfelsieg. Es war die dritte erfolgreiche Besteigung dieses Bergs. "Viktor ist ein Mann mit Prinzipien", sagt Bruno Jelk, Expeditionsleiter von 1988. "Wenn Viktor etwas will, dann tut er es mit Biegen und Brechen, dann tut er mehr als andere. Er ist persönlich mit sich sehr hart."

Auf 2584m liegt die Kinhütte über dem Wildikin am Fuße des Grabenhorns, umgeben von Täsch- und Kinhorn, Leiterspitzen und Dom. Die Kinhütte ist eine Hütte, in die die ganze Liebe des Hüttenwarts geflossen ist. Viktor Imboden redet nicht viel. Es ist die Hütte, die für ihn spricht. Die Menschen, die man hier oben trifft, sind Kenner, geschätzte Freunde, Menschen der Region, die einen besonderen Bezug zum Täschhorn haben, auch Wanderer, die einen anderen Weg eingeschlagen sind. Menschen für einen Sinn, nicht nur für das Schöne, sondern auch für das Wahre. Die das Edelweiß stehenlassen, wenn es sanft im Bergwind schaukelt.