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Um Flusswasser bergaufwärts fließen zu lassen, besinnt man sich in Steinmaur auf genossenschaftliche Tugenden.

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Steinmaur
4.10.2022

Hochleistungsgärten im Landeanflug Zürich

Veröffentlicht in der Bauernzeitung, Rubrik "Blick über die Grenzen"

15 Kilometer nordwestlich von Zürich, nicht weit vom Rhein und der Grenze zu Deutschland, liegt die Gemeinde Steinmaur. Der Ort ist geprägt vom Obst- und Gemüseanbau. Imposante Hochstämme in den Randlagen der Siedlungen vermitteln eine Idee von einer Nutzungsform, die im 20. Jahrhundert zurückgedrängt und in den 50ern in weiten Teilen von Niederstammkulturen abgelöst wurde.

Zwanzig Familienbetriebe und ihre Angestellten leben in Steinmaur von der Landwirtschaft und bewirtschaften zusammen rund 600 Hektar Land. Eine Handvoll Höfe betreibt Viehwirtschaft. Die Struktur ist kleinräumig: Die Betriebe bewirtschaften zwischen fünf und 100 Hektar. Neben zwei Gärtnereien und dem für die Schweiz so typischen Dorfladen Volg rangeln vier Hofläden um Kundschaft – die Lage und eine gute Stammkundschaft machen es möglich. Steinmaur liegt halbwegs neben den Einflugschneisen des Flughafens Zürich. Flugzeuge im Landeanflug kann man vor Ort im Minutentakt bewundern. Der Durchgangsverkehr zur Rushhour zeigt an, dass die ländliche Gemeinde in den Sog der Metropolitanregion Zürich mit ihren anderthalb Millionen Einwohnern gerät.

Der Dürresommer 2022 hielt für die Landwirte wie überall in Europa die Herausforderung Wassermangel bereit. Die Schweiz hatte tiefe Grundwasserstände zu beklagen - im Mittelland, in dem auch Steinmaur liegt, mit sinkender bis stagnierender Tendenz.

Die Landwirte beschäftigt das Thema schon lange, weshalb man 2014 die Genossenschaft Aquapool zur Sicherung der Ressource Wasser zur Chefsache gemacht hat. Geplant ist eine 15 Kilometer lange Leitung, die Flusswasser aus der Glatt über unterirdische Hydranten zu den Flächen führt, damit es dort über Bewässerungssysteme wie Rollomaten, Tropf- und Sprinklerbewässerung verteilt werden kann. Rund 100 Höhenmeter bis auf 500 Meter über N.N. müssen dazu überwunden werden.

Bund und Kanton haben die Konzession erteilt, es geht in die Detailplanung. Die Kosten sind mit vier Millionen Franken veranschlagt: Zwei Millionen staatliche Fördergelder stehen zwei Millionen Franken gegenüber, die die Genossenschaft in 16 Jahren mit dem Verkauf von Glattwasser erwirtschaften muss. Man möchte dazu einen attraktivenPreis machen, der sich von den Gebühren für Trinkwasser abhebt. Mittlerweile sind es rund 30 Genossenschaftler, die sich bei Aquapool engagieren. Von über 50 Eigentümern mussten Durchleitungsrechte eingeholt werden.

Impulsgeber waren Landwirte, die nach dem Jahrhundertsommer 2003 erkannt hatten, dass die Sicherung der Ressource Wasser Ideen und Investitionen bedarf. Die BioLand Agrarprodukte AG – ein eigenes Universum mit Ziergärtnerei, Eventflächen und Engagement der Sozialen Arbeit - beschäftigt rund 80 Mitarbeiter und baut auf 65 Hektar Freiland, in Gewächshäusern und Hochtunnel 40 Gemüsesorten an. "Ohne Wasser keine Erträge", sagt Geschäftsführer Stephan Müller. Sein Betrieb gibt im Jahr 65.000 Franken für Wasser aus, das heute doppelt so teuer sei wie vor zwanzig Jahren. Nicht nur Trinkwasser, das in Steinmaur aktuell 1,70 Franken pro Kubikmeter kostet, tropft auf Müllers Kulturen: Der Betrieb besitzt ein Wasserbecken, in dem Regenwasser aufgefangen und durch Sandfilteranlagen gereinigt wird.

In Nachbarschaft zu den Parzellen der Familie Müller wirtschaften die Schellenbergs. Andreas Schellenberg ist Kürbisproduzent, Inhaber einer Gärtnerei und Gemeindepräsident. In einem Schreiben an 1700 Haushalte hat er während der ersten Dürreperiode 2022 die Bevölkerung aufgefordert, sparsam mit Wasser umzugehen. "Wir adressieren an die 1000 Liegenschaften, die in 15 Minuten gerne mal 100-200 Liter Wasser pro Einheit verbrauchen. Das sind keine Peanuts, was bei den Privathaushalten zusammenkommt. Ein Wasserreservoir fasst 200 Kubikmeter und ein bis zwei Reservoirs sind schnell aufgebraucht", macht Schellenberg deutlich. Doch nicht nur Privatpersonen müssen Verzicht üben. Auch die Landwirte sind gezwungen hauszuhalten und Verluste wegzustecken. Wer in diesem Sommer die Felder entlang spazierte, kam immer wieder an vertrockneten Kulturen vorbei, Bohnen, Mais, Karotten.

Der Bedarf der Grosswasserbezüger während der Hitzeperioden wird von Aquapool gemanagt. Die Landwirte informieren bis 14 Uhr Reto Huber, Präsident der Genossenschaft, über die gewünschte Mengenangabe für Trinkwasser. Die Gemeinde teilt Huber eine Stunde später mit, welche Ressourcen verteilt werden können. Huber bestimmt dann das Zeitfenster und Kubikmeter Trinkwasser für die Parzellen jedes einzelnen Landwirts. Die Bewässerung wird stets in der Nacht durchgeführt.

Flusswasser zur Bewässerung der Parzellen

Die Glatt ist ein flacher und relativ kühler Fluss, der zum Rhein entwässert. Er führt an der Stelle, an der Aquapool in Zukunft Flusswasser entnehmen möchte, 30 bis 50 Prozent gereinigte Abwässer aus dem Großraum Zürich – eine kontinuierlich fliessende Ressource, auf die endlich Verlass ist.

Die für die Entnahmestelle relevante Kläranlage Niederglatt wird seit 2017 modernisiert und um ein Verfahren erweitert, das Rückstände von Medikamenten und Pestiziden filtert. Aquapool wird in seine Anlagen ein weiteres kostspieliges Reinigungssystem mit Ultraviolett-Anlage implementieren. Um die Auflagen der Lebensmittelhygiene zu erfüllen, müssen am Ende des Produktionsprozesses alle Produkte in einem Waschgang mit Trinkwasser gereinigt werden.

Die Genossenschaft hat von den Behörden eine Konzession für die Entnahme von 5000 Kubikmeter Glattwasser in 24 Stunden erhalten: 20 Liter pro Sekunde. "Das war für mich persönlich der Stresstest", sagt Genossenschaftspräsident Reto Huber. "Haben wir das Wasser überhaupt?" Nicht gerade selten surft Huber auf der Homepage des Bundesamts für Umwelt BAFU, um sich über die hydrologischen Daten der Glatt zu informieren: "Aktuell fliessen 2,7 Kubikmeter pro Sekunde im Jahresmittel den Fluss runter. Wir entnehmen 2,4 Prozent der Abflussmenge. Das hat keine feststellbare Auswirkungen."

"Gemüse Huber" produziert auf 100 Hektar in Steinmaur und in Kaiserstuhl am Rhein Hartgemüse und Salate. Er benötigt dafür 140.000 Kubikmeter Wasser im Jahr. "Ich bewässere ungern", sagt Huber. "Es ist eine zusätzliche Investition, die man nicht einpreisen kann, doch ist es unumgänglich: Wir Landwirte brauchen eine verlässliche Wasserquelle. Es ist jetzt an unserer Generation, den Mut zuhaben, das anzupacken."